Ein Komposttee ist eine Mikrobensuspension. Eine Handvoll Wurmhumus löst sich in zwanzig Litern belüftetem Wasser, und über vierundzwanzig Stunden vermehren sich die aeroben Mikroorganismen auf das Hundertfache ihrer Ausgangsmenge. Was am nächsten Morgen aus dem Tank in die Gießkanne läuft, ging vorher durch keine Düngerfabrik.
Was im Tank passiert
Der Boden eines reifen Living-Soil-Beetes enthält pro Gramm zwischen einer und zehn Milliarden Bakterien. Dazu kommen Pilzhyphen, deren Gesamtlänge auf einigen Quadratmetern in den Kilometerbereich geht. Elaine Ingham hat das in den achtziger Jahren systematisch kartiert. Jeff Lowenfels hat die Befunde in Teaming with Microbes für Praktiker übersetzt.
In zehn Litern belüftetem Wasser bei zwanzig Grad teilen sich Bakterien etwa alle zwanzig Minuten. Über eine Nacht entstehen aus einer Milliarde Zellen hundert Milliarden. Diese Population trifft am nächsten Morgen auf eine vorhandene Mikrobengemeinschaft im Boden und integriert sich in deren Stoffflüsse. Was an gelösten Mineralien in der Suspension mitschwimmt, ist gegenüber der Zellzahl rechnerisch vernachlässigbar. Die Wirkung des Tees liegt in den lebenden Akteuren.
Mein Brewer
Im Video läuft ein zwanzig Liter Behälter mit einer Membranpumpe darunter, die Luft durch zwei Diffusoren am Boden in den Tank treibt. Eine kleine Tauchpumpe zieht Wasser von unten ab und spritzt es oben wieder hinein. Dadurch dreht sich das gesamte Volumen kontinuierlich. Jeder Tropfen erreicht alle paar Sekunden die Oberfläche, an der der Sauerstoffaustausch stattfindet.
Die Bewegung ist Bedingung. Sobald irgendwo im Tank eine ruhige Zone entsteht, fällt dort der gelöste Sauerstoff binnen Minuten ab. Anaerobe Bakterien übernehmen die Stelle und produzieren Stoffwechselprodukte, die der Pflanze später schaden. Ein anaerob gekippter Tee riecht nach faulen Eiern und gehört in den Ausguss.
Das Rühren ist älter als die Pumpe
Koreanische Naturlandbauern haben ihre Pflanzenjauchen mit langen Holzstangen dreimal täglich umgerührt. Steiner ließ seine Präparate eine Stunde lang in der einen Richtung kreisen und dann in der entgegengesetzten. Der Begriff aerob war keinem von ihnen geläufig. Ihre Erfahrung sagte ihnen, dass eine stehende Suspension binnen weniger Stunden umkippt und auf dem Beet Schaden anrichtet.
Die Industrialisierung hat das Rühren wegrationalisiert, weil ein rührender Mensch teurer war als ein Düngersack. Was ich heute mit der Pumpe mache, ist die elektrische Form derselben Praxis. Die Bedingung, dass ein lebendes Präparat Aufmerksamkeit braucht, hat sich nicht verändert.
Rezept
Pro zehn Liter Wasser gebe ich eine Handvoll Wurmhumus oder reifen Kompost in einen feinmaschigen Filterbeutel und hänge den in den Tank. Dazu einen Esslöffel Bio-Melasse als Zuckerquelle für die Bakterien. Bei verfügbarem Algenextrakt kommt ein Teelöffel als Cytokinin-Träger dazu. Das Wasser hat Raumtemperatur und ist nicht direkt aus der Chlor-Leitung gezogen.
Die Laufzeit liegt bei vierundzwanzig Stunden. Eine längere Brauzeit führt in eine Population, die in ihrer eigenen Konkurrenz verhungert und biologisch keinen Bezug mehr zum Ausgangskompost hat. Ein früherer Abbruch unterbricht den Vermehrungsschub vor seinem Höhepunkt.
Die Temperatur entscheidet mit. Unter fünfzehn Grad läuft die Bakterienteilung träge, oberhalb von fünfundzwanzig rückt das Kippen in die Brauzeit. Mein Standort wechselt mit der Saison. Im Frühling steht der Brewer im Innenraum bei achtzehn bis zwanzig Grad. Im Hochsommer wandert er nach draußen in den dauerhaften Schatten der Nordseite. Eine Heizmatte zur Stabilisierung habe ich nie gebraucht und halte sie für überzogen.
Was nach vierundzwanzig Stunden im Tank ist
Ein gelungener Tee ist hellbraun bis dunkelbraun. An der Oberfläche bildet sich ein leichter Schaumkragen aus Proteinen und mikrobiellen Sekreten. Der Geruch ist erdig mit einer Note feuchten Waldes und einer Spur Hefe. Die Diagnose passiert mit der Nase. Eine säuerliche Note zeigt eine Belüftungsstörung in irgendeiner Tankzone an. Ein ammoniakalischer Geruch verweist auf eine Überfütterung der Eiweißzersetzer.
Sobald ich die Pumpe abstelle, beginnt die Population zu kollabieren. Innerhalb von zwei bis vier Stunden überschreiten die Anaerobier die Schwelle, ab der sie das Geschehen übernehmen. Daraus folgt eine knappe Logistik. Ich brewe von Abend bis Morgen und bringe den Tee vor acht Uhr aus. Eine zweite Verwendung am Nachmittag arbeitet bereits mit einer veränderten Suspension.
Ausbringung
Ich verdünne eins zu zehn mit Regenwasser oder abgestandenem Leitungswasser. Die Gabe geht direkt aus der Gießkanne auf die Bodenoberfläche, in den Schatten der Blätter, in den Halbschatten der Mulchschicht. Eine Blattanwendung mit dem Vernebler praktiziere ich nur bei sehr robusten Kulturen und nur vor Sonnenaufgang. UV-Strahlung tötet die freigelegten Mikroorganismen in Minuten.
Die morgendliche Ausbringung ist die letzte Etappe einer Kette, die mit der Auswahl des Komposts begonnen hat. Eine Mittagsausbringung bei voller Sonne hat eine Stunde Arbeitszeit gespart und zwei Tage Vermehrungsarbeit zunichtegemacht.
Zwanzig Jahre Beobachtung
Komposttee ist nichts für jedes Beet. Ein Boden, der nach drei stabilen Saisons in sich ruht, reagiert auf eine externe Suspension manchmal mit kurzer Unruhe in der bestehenden Population. Ein erschöpftes Beet nach einer harten Saison nimmt den Schub messbar an. Der Unterschied liest sich später an der Wurzelmorphologie der Folgekultur ab. Etiketten am Sack sagen darüber nichts.
Die Qualität des Ausgangskomposts setzt die obere Grenze für alles, was der Brewer daraus machen kann. Der beste Brauvorgang in meiner Erinnerung lief mit einem Wurmhumus, der drei Saisons in einer abgedeckten Kiste mit konstanter Population gestanden hatte. Die Diversität in einem Gramm dieses Materials lag um eine Größenordnung über dem, was frischer Bio-Kompost vom Wertstoffhof üblicherweise liefert. Die Pumpe leistete im gewohnten Rahmen ihre Arbeit. Das Material entschied über das Ergebnis.
Die Auswahl der Pumpe ist die zweite Stellschraube. In den ersten Jahren habe ich mit Aquariumpumpen für Vierzig-Liter-Becken gebraut, deren Luftleistung am unteren Rand lag. Seit dem Wechsel auf acht Watt aufwärts ist kein Brauvorgang mehr in den Ausguss gegangen. Eine zu schwache Pumpe verfälscht den Versuch jedes Mal.
Die Nase trainiert sich über die Saisons. Ich rieche jeden Brauvorgang nach zwölf Stunden und nochmal kurz vor der Ausbringung. Der Übergang von erdig zu pilzig zu leicht hefig markiert eine gesunde Suspension. Ein säuerlicher Geruch bei Stunde achtzehn ist die Frühwarnung, der ich mehr vertraue als jedem pH-Streifen, den ich je benutzt habe.
Was im Tank über Nacht entsteht, ist eine Generation, die im Beet schon vorhanden war und in der Suspension nur noch einmal sichtbar wurde, bevor sie zurückkehrte.
WAS ICH BENUTZE — KOMPOSTTEE-BREWER
Aquarium-Membranpumpe (≥ 8 W)
Das Herz vom Brewer. Eine schwache Pumpe schafft die Sauerstoffsättigung über zwölf Stunden nicht durch. Acht Watt aufwärts sind das Minimum.
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Treibstoff für die Bakterien. Ein Esslöffel pro zehn Liter Wasser. Mehr verschiebt die Population in eine Richtung die ich nicht mehr kontrolliere.
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Wurmhumus rein, zubinden, in den Tank hängen. Ohne den Beutel rutschen Krümel in die Pumpe und ich putze eine Stunde.
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