Wie aus Reis, Milch und etwas Zeit ein lebendiges Gießwasser entsteht
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LAB: wie aus Reis, Milch und etwas Zeit ein lebendiges Gießwasser entsteht

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LAB: wie aus Reis, Milch und etwas Zeit ein lebendiges Gießwasser entsteht

Es gibt Prozesse, die man nicht steuert. Man schafft nur die Bedingungen, dann wartet man, und der Raum riecht plötzlich nach frischem Wald.

Es beginnt mit dem Wasser, das vom Reis übrig bleibt. Trüb, stärkehaltig, ohne jeden Wert nach gängiger Meinung. Ich schütte es seit zwanzig Jahren nicht mehr weg.

Was in diesem Wasser lebt, hat mehr über Bodengesundheit verändert als jedes granulierte Präparat, das ich je gekauft habe. Und es kostet nichts außer Zeit und Aufmerksamkeit.

Stufe 1: Das Reiswaschwasser als Selektivmedium

Das Soil Food Web — Beziehungsnetz im Boden
Das Soil Food Web. Lactobacillus ist nur einer von tausend Akteuren. Quelle: USDA (Public Domain)

Ich nehme ungekochten Reis, wasche ihn zweimal durch, fange das zweite Waschwasser auf. Das erste ist zu schmutzig, das dritte zu dünn. Das zweite hat die richtige Stärkedichte. Es zieht in ein offenes Glasgefäß, abgedeckt mit einem Tuch, bei Zimmertemperatur. Fünf bis sieben Tage.

Was in dieser Zeit passiert, ist keine Magie und kein Zufall. Reiswaschwasser ist ein selektives Milieu: leicht sauer durch die Stärke-Hydrolyse, reich an löslichen Kohlenhydraten, arm an Stickstoff. Genau diese Bedingungen begünstigen Lactobacillus-Arten gegenüber den meisten anderen Bakterien. Die Luft liefert den Inokulum. Auf jeder Pflanzenoberfläche der Welt, auf Getreidehüllblättern, auf Grashalmen, in Küchenräumen mit traditioneller Fermentationsgeschichte, sitzen Lactobacillus plantarum und seine Verwandten als Huckepack-Mitreisende. Sie warten immer. Das trübe Wasser gibt ihnen ein Startsignal.

Nach fünf Tagen riecht das Gefäß leicht säuerlich, fast wie junger Sauerteig. Der pH ist auf 4,5 bis 5 gefallen. Das ist kein Verderb. Das ist der erste Schritt.

Stufe 2: Die Trennung

Ein Teil dieses fermentierten Reiswassers kommt zu zehn Teilen Vollmilch. Antibiotikafrei ist keine Empfehlung, es ist eine Bedingung. Antibiotika in der Milch töten genau das, was ich aufbauen will. Ich nehme Rohmilch wenn zugänglich, pasteurisierte Vollmilch sonst. Drei bis fünf Tage, wieder bei Zimmertemperatur, wieder offen aber abgedeckt.

Was entsteht, erinnert an Quark im Entstehungsprozess. Oben bildet sich eine käseartige Schicht aus koagulierten Proteinen und Fetten. Darunter, klar und leicht gelblich, das Serum. Das Whey. Das ist LABS.

Ich ziehe es ab, filtere es durch ein Tuch und fülle es in dunkle Glasflaschen. Im Kühlschrank hält es Monate. Bei Raumtemperatur einige Wochen, wenn ich regelmäßig etwas entnehme und die Kultur aktiv bleibt.

Meine Variante weicht an einem Punkt ab. Statt normalem Wasser verwende ich in Stufe 1 kaltgepresstes, ungezuckertes Kokoswasser. Kokoswasser enthält Cytokinine, Kalium und eine Zucker-Fraktion, die Lactobacillus-Stämme schneller in eine stabile logarithmische Wachstumsphase bringt. Die Fermentation ist konsistenter, der Geruch klarer. In Stufe 2 gebe ich einen kleinen Anteil Zuckerrüben-Melasse hinzu, als Kohlenstoffstabilisator. Die Bakterien haben länger etwas zu tun, das Serum bleibt länger aktiv.

graph TD
  A[Reiswaschwasser] -->|Selektion| B[Lactobacillus]
  B -->|produziert| C[Lactat/Acetat]
  C -->|pH-Optimierung| D[Mykorrhiza]
  D --> E[Nährstoffmobilisierung]
  B -->|produziert| F[Bacteriocine]
  F -->|blockiert| G[Quorum-Sensing]
  G --> H[Wurzelschutz]
Von Reiswasser zu Wurzelschutz: die LAB-Kaskade

Was diese Bakterien im Boden tun

Hier liegt der Punkt, an dem ich die meisten Gespräche über LAB verliere. Die Antwort "die sind gut für den Boden" reicht mir nicht. Ich will die Kausalkette.

Lactobacilli produzieren drei Substanzklassen, die im Bodenkontext relevant sind. Organische Säuren, vor allem Lactat und Acetat, senken den pH lokal um bis zu 0,2 Einheiten. Das klingt wenig. Für Mykorrhiza-Pilze, die ihr Optimum zwischen 5,5 und 6,5 haben, ist das der Unterschied zwischen aktiver Symbiose und Stagnation. Die Hyphen proliferieren schneller in leicht saurem Milieu. Die Nährstoffmobilisierung steigt.

Bacteriocine sind antimikrobielle Peptide, die Lactobacilli als Konkurrenzwaffe gegen andere Bakterien produzieren. Im Boden treffen sie auf Pathogen-Populationen. Was in-vitro gezeigt wurde, ist nicht trivial: Lactobacilli downregulieren aktiv Gene, die bei Pathogenen für Quorum Sensing zuständig sind. Quorum Sensing ist die Sprache, in der Bakterien ihre Angriffsstärke koordinieren. Wenn ein Pathogen nicht mehr "hört", wann genug Artgenossen anwesend sind, startet der koordinierte Angriff auf die Wurzel nie. Die Biofilm-Bildung, die Toxin-Produktion, die Invasion, alles davon hängt an diesem Signal. LAB kappt es.

H2O2, Wasserstoffperoxid in kleinen Mengen, wirkt desinfizierend direkt in der Rhizosphäre, ohne die Mikroben-Community zu destabilisieren, weil die Konzentration zu niedrig für systembrechende Wirkung ist.

Der dritte Effekt, der mich am meisten beschäftigt: LAB-Gabe stimuliert Actinobakterien, speziell Streptomyces-Arten. Streptomyces ist der Grund, warum frisch aufgeworfene Erde nach Erde riecht. Geosmin. Und Streptomyces produziert Antibiotika, das erste industrielle Antibiotikum Streptomycin kam daher. Im Boden ist das kein medizinischer Wirkstoff, sondern ein zweiter Ring der Pathogen-Suppression. LAB aktiviert also eine Kaskade: nicht nur direkter Schutz, sondern Mobilisierung des residenten Schutz-Netzwerks.

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Was alte Kulturen längst wussten

Cho Han-Kyu hat LABS nicht erfunden. Er hat benannt, was in Korea seit Jahrhunderten ohne Namen existierte.

Kimchi ist keine Salat-Konserve. Es ist eine Technologie der Lactobacillus-Kultivierung, die über Generationen in koreanischen Haushalten verfeinert wurde. Dieselben Stämme, Lactobacillus plantarum, Lactobacillus kimchii, wurden nicht nur gegessen, sie wurden mit dem Fermentationswasser in Felder und Gemüsegärten gegeben. Nicht weil jemand Quorum Sensing kannte. Weil die Beete nach der Gabe besser standhielten, weil Fäule seltener auftrat, weil der Geruch des Bodens stimmte.

Miso-Gärgefäße, die jahrzehntelang in Gebrauch waren, wurden ausgewaschen und das Waschwasser auf Reisfelder gegeben. In Japan, in bestimmten Regionen bis ins 20. Jahrhundert. In den Anden wurde Chicha, fermentierter Mais, nicht nur getrunken, die Brauerückstände kamen in den Boden. Kefir-Kulturen aus dem Kaukasus hatten ihre Zweitverwendung im Stallboden. Kvass-Brauerei in Osteuropa endete mit Resten, die in den Küchengarten kamen.

Das ist keine romantisierende Rückschau. Es ist die Beobachtung, dass subsistenzwirtschaftliche Kulturen empirisch zu denselben Lösungen kamen, die die Mikrobiologie jetzt mit Genen und Peptiden beschreibt. Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat dieses Wissen nicht widerlegt, sie hat es einfach nicht mehr gebraucht, weil Fungizide billiger waren als Aufmerksamkeit.

Was zwanzig Jahre Beobachtung zeigen

Ich gebe LAB nach jedem dritten Gießgang. Nicht nach einem festen Kalender. Nach Beobachtung.

Das verlässlichste Instrument, das ich habe, ist meine Nase. Frischer Boden nach LAB-Gabe riecht nach einer Stunde anders als davor. Leicht säuerlich-erdig, fast wie der Moment kurz vor dem Regen, Geosmin, was bedeutet, dass die Streptomyces-Population aktiv ist. Wenn dieser Geruch ausbleibt, ist die Mikroben-Community unter einem Schwellenwert. Dann gebe ich früher wieder.

Ich habe die Kokoswasser-Variante über drei Saisons gegen die klassische Reiswaschwasser-Variante laufen lassen. Der Unterschied war nicht dramatisch sichtbar, aber messbar in der Fermentationsgeschwindigkeit in Stufe 1 und in der Stabilität des Serums über Wochen. Kokoswasser-LABS zeigt nach vier Wochen Lagerung bei Raumtemperatur noch aktive Fermentationszeichen. Klassisches LABS nach zwei Wochen oft nicht mehr.

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Die Melasse-Zugabe in Stufe 2 hat mich am längsten skeptisch gehalten, weil ich organische Säure als Endprodukt wollte und nicht zusätzlichen Zucker im System. Was ich beobachtet habe, ist das Gegenteil von dem, was ich befürchtet hatte. Der Zucker wird von den Lactobacilli konsumiert, er akkumuliert nicht. Das Serum ist nicht süßer, es ist aktiver. Die Pufferkapazität im fertigen LABS ist höher, der pH stabiler.

Ein Fehler, den ich früh gemacht habe: Anwendungskonzentration zu hoch angesetzt. Ich habe mit 1:100 angefangen, weil mehr doch mehr sein sollte. Der Boden-pH fiel zu schnell, die Mykorrhiza-Aktivität sank statt zu steigen. 1:1000 ist kein Kompromiss, es ist die Dosierung, bei der das System funktioniert. Ein Milliliter auf einen Liter Wasser. Nicht mehr.

Das Interessante an LAB ist nicht, dass es wirkt. Das Interessante ist, warum es in dieser Konzentration wirkt und in höherer nicht mehr. Die Antwort liegt in der Rhizosphären-Ökologie: kleine Mengen organischer Säure und Bacteriocine verschieben das Gleichgewicht, große Mengen zerstören es. Boden ist kein Reaktionsgefäß. Er reagiert auf Gradient-Veränderungen, nicht auf Überschwemmungen.

Was ich benutze — für Küche und Beet

Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Käufen.

Ich mache dieses Wasser seit zwanzig Jahren. Es riecht jedes Mal anders, je nach Jahreszeit, je nach der Milch, je nach dem, was vorher auf dem Reiswaschwasser lag. Das ist kein Qualitätsproblem. Das ist das Signal, dass es lebt.

Wer seinen Phänotyp nicht kennt, kennt seine Pflanze nicht. HNTZ wurde für genau diesen Moment gebaut.

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